Wo sich Staub ansammelt, fehlt frischer Wind

Kommentar

Das Konzept von AIDA Cruises wurde früher als innovativ, modern und dem Zeitgeist entsprechend gefeiert. Das ist lange her, die Reederei ist in der Zwischenzeit jedoch kräftig gewachsen und erhält weiter zusätzliche Tonnage. Am Konzept hat sich allerding wenig geändert. Bis auf die Umstellung von einem Club- zu einem gewöhnlichen Kreuzfahrtunternehmen hat sich wenig getan. Hervorzuheben ist allenfalls die Anpassung des Entertainments dank eines Verantwortlichen, der erkannt hat, dass der Kunde auch an Bord seine täglichen Unterhaltungsgewohnheiten nicht aufgeben möchte. Das Fernsehen besteht heute weitgehend aus Quizsendungen und Unterhaltungsformaten, an denen das Publikum beteiligt ist. Das erwarten die Passagiere auch an Bord Zusätzlich verlangen vor allem Jugendliche Live-Auftritte von Bands. Das nennt man Zeitgeist.
In allen anderen Bereichen hat das AIDA-Konzept inzwischen jedoch kräftig Staub angesammelt und das dürfte das Unternehmen zunehmend in Schwierigkeiten bringen. Das beginnt mit der Gastronomie, die auf allen weltweit kreuzenden Schiffen zu einem der wichtigsten Kriterien geworden ist. Das Buffetkonzept an Bord der AIDA-Schiffe erleichtert zwar die Abfertigung großer Menschenmassen und spart Personal, aber Kunden, die bereit sind, mehr zu zahlen – und die braucht AIDA immer dringender – lassen sich nicht mit einem Teller vom Fernsehkoch Tim Mälzer abfertigen. Sie verlangen Spezialitätenrestaurants mit hochwertigen Speisen und dem passenden Ambiente.

Dieser höherwertige Gast kommt gegenwärtig sicherlich nicht an Bord eines AIDA-Schiffs oder wenn, nur einmal. Denn er will für sein Geld auch entsprechend besonders behandelt werden. Viele große Reedereien haben dafür abgetrennte Bereiche im Schiff geschaffen und sie entsprechend hochwertig ausgestattet und abgeschirmt. Die wesentlich größere Wertschöpfung rechnet sich. Butler-Service, eigene Restaurants und Freiflächen, besondere Bevorzugung bei Terminen im Unterhaltungs- und Spa-Bereich gehören für dieses Klientel, das keineswegs auf andere Angebote an Bord verzichtet, sich aber auf Wunsch abgrenzen will, zum selbstverständlichen Angebot. Erste Ansätze in diese Richtung auf den Schiffen der Hyperion-Klasse kommen deutlich zu spät. Statt dessen müssen mit Hilfe von rabattierten Preisen, wie eine Woche Mittelmeer unter 500 Euro mit Flug die Betten gefüllt werden mit Gästen, die jeden Euro zweimal umdrehen müssen. Wettbewerber wie MSC oder Norwegian haben den Preismix längst als lukrativ und erfolgreich erkannt. Ihr Club-Konzept kommt an. Warum verzichtet AIDA darauf, auch ein höherwertigeres Klientel zu gewinnen, statt einem allmählichen Absinken des Niveaus an Bord tatenlos zuzusehen? Dieser Kurs verunsichert immer mehr Agenturen, denen eine Auffrischung des Konzeptes mehr als recht wäre – auch im Hinblick auf ihre Provision.

Zu dem verstaubten Konzept gehören auch die Landausflüge. Auch dort gibt es viele zahlungskräftige Kunden, die gerne auf die üblichen Angebote verzichten und einige „besondere“ Ausflugsvorschläge erwarten. Wie erfolgreich man damit sein kann, zeigt ein Hamburger Startup-Unternehmen, deren Gründer übrigens vorher bei AIDA gearbeitet haben und dort die Schwächen des Produktes kennenlernten.

AIDA gilt immer noch als Ertragsperle im Carnival-Konzern. Das liegt auch daran, dass durch die Zusammenlegung des Vertriebs mit der Muttergesellschaft Costa vor allem AIDA von dieser Kooperation profitierte. Costa beendete diese Konstellation inzwischen, der neu aufgebaute Vertrieb legte sofort zweistellig zu. Das dürfte die Verantwortlichen in Rostock noch nervöser gemacht haben und führt möglicherweise endlich einmal zu einer Überarbeitung des Gesamtangebots durch Angleichung an den erwähnten Zeitgeist. Selbst ein Schiff wie die EUROPA muss sich der Realität stellen, um keine Kunden zu verlieren, die ihre eigenen Wünsche haben. Eine Konzept-Überarbeitung ist bei AIDA aber auch für den Markt wichtig. Vom unangefochtenen Marktführer erwartet die Branche nicht nur Vorbildfunktionen in den Bereichen Umwelt, soziales Verhalten oder Sicherheit, sondern auch innovative Impulse.

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